Grund und Boden

“The actual trouble is that profit is identified entirely with money, as distinct from the real profit of living with dignity and elegance in beautiful surroundings.”

Allan watts

So wie die Tiere, die Pflanzen und auch andere Lebensformen haben auch wir Menschen Grund zum Leben. Das Leben schenkt uns den Raum um unser individuelles und kollektives Geschenk zu entfalten. Diesen Raum nehmen Raum können wir einnehmend und in der Bewegung des Lebens auch wieder freigeben. Sowohl in der Würdigung dieses Raumes als auch in der Freigabe des Raumes tun wir uns in modernen Zivilisationen besonders schwer. Ein Ausdruck dieses Konfliktes moderner Zivilisationen sind leerstehende und nicht genutzte Gebäude und gehortetes Bauland. Dieser Umstand schafft eine soziale und ökologische Unausgeglichenheit im Geben und Nehmen, welcher auch in Ballungsräumen wie Vorarlberg starke Auswirkungen hat. Je mehr die Grundstückspreise und Wohnungspreise in die Höhe gehen (und damit der Zugang zu Wohnraum erschwert wird), desto weniger Gründe gibt es für Grundstücksbesitzer_innen ihre Grundstücke freizugeben, und darauf zu vertrauen, dass etwaige eigenen Kinder – wenn sie erwachsen sind – selbst einen guten Platz zum leben finden werden. In der Konsequenz steigt der politische Druck, naturbelassene und Landesgrünzonen und Naturschutzgebiete dem Bau zu widmen. So stellt sich eine Abwärtsspirale ein, in der die Sicherheit der einen die Unsicherheit der Anderen gegenübersteht. Viele Menschen versuchen in diesem Bereichen Lösungen zu finden und gibt unterschiedliche Ansätze, um diese Auswirkungen dieser Dynamik zu behandeln oder die Dynamik selbst zu stoppen. Noch besser wäre es jedoch Impulse für Synergien zu setzen, damit Aufwärtsspiralen in Gang kommen können, welche sowohl die sozialen als auch die ökologischen Bedürfnisse schöpferisch verbinden.

Die Bäume leben uns – in der Zusammenarbeit mit den Pilzen und anderen Lebewesen – vor, wie letzteres gehen kann: jedes Blatt, das mit dem herannahenden Winter von einem Baum fällt, nährt die Erde, aus der der Baum genährt wird. In der Zeit seines Lebens nimmt der Baum Raum ein, und bietet in seinem Sein auch Raum für andere Lebewesen, wie zum Beispiel Vögel. Ein Baum, welcher sich dem Ende seiner Lebenszeit nähert, hinterlässt einen Ort mit sauberer Luft und gut durchfeuchteter, nährreicher Erde. Er hinterlässt mit seinem Holz Raum für Kleinstlebewesen, die ihrerseits ihre Aufgaben im Ökosystem wahrnehmen.

Zwischennutzung von Bauland – eine synergetische Lösung im Hier und Jetzt

Für den Lebensraum Vorarlberg bietet die entgeltliche, temporäre Nutzung von Bauland (beispielsweise auf 25 Jahre) eine Möglichkeit zur Synergie und zum fließenden Hinwendung zu einem soziales und ökologisches Gleichgewicht. Nach Ablauf des mit den Eigentümern vereinbarten Zeitraums kann ein artenreicher, unversiegelter Lebensraum hinterlassen werden, der neuen Entwicklungen offensteht. Diese Art der Nutzungsvereinbarung hat sogar das Potential, eine Aufwärtsspirale im sozialen Kreislauf der Landnutzung zu fördern. Solche Nutzungsvereinbarungen erfordern aber auch einiges an Kreativität und die Mitwirkung eines großen Netzwerks, welches neue Formen der Landnutzung unterstützen. Für eine ressourcenschonende Variante der temporären Wohn-Nutzung braucht es auch innvoative architektonische Lösungen. Die Tiny Haus Gemeinschaft Vorarlberg ist durch die jahrelange Vorarbeit mit Expert_innen, Eigentümer_innen und zuküntigen Bewohner_innen zu einem ausgeklügelten Pilotprojekt herangereift, welches im Jahr 2021 für die Umsetzung bereit ist.

Besiedelung und Artenvielfalt – eine Wohnform mit Zukunft

Gemeinschaft sowohl mit menschlichen, als auch mit nicht-menschlichen Lebewesen zu leben, bedeutet für uns unter anderem nur ein Minimum an Flächen zu versiegeln und auch dies nur temporär: durch den Einsatz von Schraub und Punktfundamenten. Die Mikrowohneinheiten sind leicht genug um so auch auf baulich schwierigen Böden nicht abzusinken. Unbebauten Flächen mit Baumbestand, begrünten Dächer und Insektenhotels, Fledermausbehausungen und Wildblumenstreifen dienen als Lebensraum für Pflanzen und andere Lebewesen. Aufgrund des stark reduzierten Bedarfs an Wohnfläche pro Person kann die natürliche Artenvielfalt des Lebensraums, die effiziente Nutzung von Bauland und das Mitdenken an zukünftige Generationen Hand in Hand gehen.

Wenn es seitens der Grundstücksbesitzer Eigenbedarf gibt und der vereinbarte Zeitraum abgelaufen ist, werden die Gebäude und die Schraubfundamente mitgenommen, um darauf hin einen anderen Ort zu beleben. Im Idealfall gibt es nach Ablauf des Pachtzeitraums des ersten Pilotprojektes schon weitere vielfältige temporäre ‚Inselprojekte‘ der gemeinschaftlichen Mikrowohnkultur in der Region. Diese können sich dann, unter anderem, auch in den Übergängen unterstützen und zu einer inspirierenden Diversifizierung dieser Wohn- und Lebensweise beitragen, welche niemandem ‚den Boden unter den Füßen wegzieht‘. Diese Wohn- und Lebensform ist nicht unbedingt die ideale Lösung für alle, sondern eine von vielen Varianten des Wohnens und Lebens, in welcher sich Menschen, Tiere und Pflanzen angepasst an die jeweiligen lokalen Bedingungen und die schöpferisch tätigen Akteur_innen gegenseitig Raum für Lebensqualität bieten, statt nur in Maßstäben der Quantität (im Sinne einer maximal verfügbaren Quadratmeterzahl an Wohnfläche) zu verdichten.

Mit unserem Pilotprojekt sind wir eingebettet in ein Netzwerk von Initiativen, welche zu denselben oder verwandten Fragen hochspannende konkrete Pilotprojekte und Initiativen entwickelt haben. Einige davon findet ihr unter ‚Netzwerk und Links‘.