Gemeinsam Selbstbestimmt

„Ich bin auf meiner Seite und auf deiner Seite und vertraue darauf, dass es für dich auch so ist. Das macht die Würde unserer Beziehung aus.“

Leben ist die Bewegung in Beziehung, und somit leben wir immer in Gemeinschaft. Jede Qualität der Beziehungenen regt eigene Aspekte in den Menschen an, die sich in Beziehung bewegen. So formt uns die Beziehung. Gleichzeitig ist jeder Mensch einzigartig und hat eine ganz eigene Art und Weise in der Welt zu sein und sich auf die Mitwelt zu beziehen. Je nach den Qualitäten der Einzelnen entsteht eine andere Art gemeinschaftlicher Beziehungen. Mit der Tiny Haus Gemeinschaft Vorarlberg wollen wir die gemeinschaftlichen Beziehungen bewusst gestalten, im Hinblick auf eine intensivere Form der Kooperation und gemeinsamen Entwicklung, als dies in einer gängigen Nachbarschaft der Fall ist. Was bedeutet dies?

Autonomie und Gemeinschaft – sozial gedacht

Wenn wir davon ausgehen, dass es ein Spektrum von Autonomie und Gemeinschaft gibt, das den ‚Geist‘ einer Gemeinschaft darstellt, dann sind intentionale Wohngemeinschaften beispielsweise gemeinschaftlicher orientiert als eine klassische Nachbarschaft: wir erfahren vieles voneinander, jede_r trägt etwas zum gemeinsamen Ziel bei und ist mitverantwortlich, Unterschiedlichkeiten und Selbstreflexion sind Gegenstand des Verhandlungs- und Entwicklungsprozesses. Auch in intentionalen Wohngemeinschaften gibt es unterschiedliche Grade an Gemeinschaftlichkeit: Eine Baugruppe, welche bereits in der Entwicklung des Projekts gemeinsam gestaltet oder entscheidet ist gemeinschaftlicher orientiert, als ein extern für zukünftige Bewohner_innen geplantes Projekt; Eine Bau- oder Wohngruppe ist besipielsweise gemeinschaftlicher orientiert, welche gemeinsame bewusstseinsbildende Prozesse und Prozesse der Persönlichkeitsentwicklung anstrebt; Eine Gruppe die sich mit einer gemeinsamen Ökonomie organisiert ist beispielsweise gemeinschaftlicher orientiert als Einzelhaushalte mit unzusammenhängenden Berufen oder Konten. Das Spektrum geht bis hin zu kulturellen Gemeinschaften, in deren Sprachen das Wort ‚Ich‘ nicht existiert – es aber sehr wohl Vielfalt, Gestaltungsmacht und einen dynamischen kreativen Prozess gibt.

Dabei ist ein Ende des Spektrums nicht grundsätzlich besser oder schlechter. Je nach persönlichen Prägungen und Bedürfnissen liegt ein anderer Bereich der Gemeinschaftlichkeit eher in der Komfort-, Lern– oder No-Go Zone. Wir sehen aber, dass der aus der Balance geratene ökonomische und kulturelle Individualismus zu einer Isolation führt, in welcher sich auch die Einzelnen nicht gut entwickeln können. Dies betrifft sowohl Kinder, Eltern, die Ältesten unserer Gesellschaft, Menschen mit psychischen oder physischen Erkrankungen, Menschen in Randgruppen und auch alleinlebende Menschen – schlussendlich also tendenziell alle im sozialen System. Viele Menschen im Mitteleuropa fühlen sich von sich selbst und ihrem alltäglichen sozialen Umfeld entfremdet. Viele Menschen merken, dass ihnen die Nähe und die Vertraulichkeit zu anderen Menschen fehlt, dass sie sich in einer individualisierten Gesellschaft nicht geborgen und isoliert fühlen, oder dass sie sich mit alltäglichen und familiären Aufgaben überfordert fühlen.

Wir leben also in einer Zeit, in der wir uns fragen, ob die scheinbare Komfortzone nicht wesentlich mehr Leid verursacht, als das was die Lernzone für uns bereithält. Wir Menschen sind zu vielem fähig, wenn wir nur daran glauben und den Weg von Hier nach Dort mit allen Lernschritten wagen. Für jede_n Einzelne_n stellt sich da die Frage: welche Art von Beziehungen erträume ich mir? Was möchte ich Lernen, entdecken und tun, um diese Träume zu verwirklichen?

Wir wollen mit der Tiny Haus Gemeinschaft einen Ort schaffen, an dem wir uns wirklich begegnen können, in dem wir uns in Generationenvielfalt bei alltäglichen Aufgaben und Entwicklungsprozessen begleiten und gegenseitig bereichern können und in dem jede_r seine Einzigartigkeit zum Wohle aller einbringen kann – ohne die menschlichen Bedürfnisse über die Bedürfnisse anderer Lebewesen zu stellen. Dieser Traum trägt die Farbe des Sanftmuts: also die Qualität des sanften Herzens und die der mutigen, wahrhaftigen Handlung.

Für diese Intention sind die Selbstbestimmtheit (das innere Bekenntnis zur Freiheit man selbst zu Sein mit allen Farben des eigenen Wesens) und die Selbstverantwortlichkeit (die Fähigkeit auf innere und äußere Impulse konstruktiv und schöpferisch zu antworten) wichtige Grundlagen. Miteinander Freiheit und Selbstverantwortung anzustreben, bedeutet auch anzustreben, dass niemand seinen inneren Platz verlässt. Dies eröffnetet die Möglichkeit und Notwendigkeit, sich immer wieder selbst zu begegnen und reflektieren, um den eigenen inneren Platz kennenzulernen und daraus zu schöpfen: aus seinen Farben, Formen, Spielräume, Schluchten, Quellen und Dimensionen. Es ermöglicht und bedingt auch, den anderen wirklich begegnen zu wollen, um deren inneren Platz kennenzulernen. Darin liegt eine Schönheit, eine Kunst der Gemeinschaft, welche immer im Entstehen begriffen ist,und – so wie jedes Menschenleben – ihre eigenen Jahreszeiten hat.

In der Tiny Haus Gemeinschaft Vorarlberg soll es in der physischen und sozialen Architektur sowohl den Raum für gemeinsame Begegnungen, Entscheidungen und Entwicklungen geben, als auch für Stille, Rückzug, Kreativität und Flexibilität der Einzelnen und der Gruppen in der Gemeinschaft (Paare, Familien, oder andere Gruppen). Es soll Raum für die ‚Jahreszeiten‘ der Einzelnen und der Gemeinschaften in der Gemeinschaft geben – bei einem gleichzeitigen Bekenntnis, sich in einem ausgeglichenen Geben und Nehmen in die Entwicklung der Gemeinschaft einzubringen.

Raum für Autonomie und Gemeinschaft – baulich gedacht

Als räumliches Zentrum des Gemeinschaftslebens ist unter anderem ein Mutterschiff geplant, welches in der ersten Phase (2021/2022) besonders minimalistischen Charakter hat. Dieses ‚Mutterschiff light‘ bietet für alle Bewohner_innen in diesem Stadium eine Kochmöglichkeit, Raum zum Essen und sonstigen Beisammensein, Nasszellen, Spielraum, etwas Stauraum und eine Re- und Upcyclingstation. Zusätzlich zum ‚Mutterschiff light‘ soll auch schon in der ersten Phase ein Raum für Workshops, Seminare und Plena entstehen – in Form einer ‚Wabe‘. Auch eine mobile Mikrowohneinheit für Besucher_innen ist Teil der geplanten Infrastruktur.

In der zweiten Phase (2022/2023) soll ein erweitertes Mutterschiff eingerichtet werden, welches den passenden Möglichkeitsraum für die gewachsene und wachsende Anzahl an Bewohner_innen bietet und auch mehr Möglichkeiten für Familien bietet. Zirka 18 private Mikrowohneinheiten finden am geplanten Standort Platz.

Die Mikrowohneinheiten werden (abgesehen von Gästeeinheiten) von den Bewohner_innen selbst erworben oder errichtet und stehen in deren Eigentum. Sie bieten einen minimalistischen individuell gestaltetet Rückzugsraum für Einzelpersonen, Paare oder Familien. Für Familien mit älteren Kindern wird eine Kombination aus mehrereren Modulen empfohlen: So können ungenutzte Räume leicht ein- und wieder ausgegliedert werden.

Am geplanten Standort wachsen aktuell wunderschöne Bäume, mit welchen sich die Bewohner_innen ihren Lebensraum teilen werden. Zur Gemeinschaftsinfrastruktur werden unter anderem auch ein Gemeinschaftsgarten, ein Biotop und andere Räume für Artenvielfalt, sowie Elektrolastenräder, Parkplätze und ein kleiner Erdkeller zählen.